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Ich schreibe so lange, wie der Leser davon überzeugt ist, in den Händen eines erstklassigen Wahnsinnigen zu sein. Stephen King |
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Day by Day
Ich sitze im Büro und starre apathisch vor mich hin. Meine Aufgaben und Aufträge arbeite ich nur sehr mühsam ab. Für eine einfache Email brauch ich über eine Stunde Zeit. Den ganzen Tag sitze ich einfach nur da - und tue nichts - außer mich dafür zu hassen.
Hin und wieder breche ich in Tränen aus. Völlig aus dem nichts. Verzweifelt versuche ich dann, meine Tränen zu Unterdrücken. Ich scheitere.
Meine Kollegen sind besorgt um mich, fragen, was denn los sei. Aber außer einem "Alles ok, danke" bringe ich nicht zustande.
Wenn der Tag sich dem Ende neigt, beginne ich mit meinem "Daily Work", verschicke dann doch noch eine oder zwei Emails und gehe nach Hause.
Dort bekomme ich jedes Mal aufs Neue einen tiefen Schock. Im Flur alles voller Dreck von schmuzigen Schuhen. Der Müll liegt auf dem Boden herum, das Geschirr im Spülbecken ist schimmlig und es stinkt. Überall liegt zeug. Fettspritzer an der Wand und auf dem Herd, verschmutzte Wäsche auf dem Bett, unter dem Bett und im ganzen Zimmer verteilt. Unterlagen, Post und Abfall auf ein und dem selben Stapel.
Ich hasse es. Ich bin ein ordnungsliebender Mensch. Wenigstens nach außen soll es doch gut aussehen...?!
Ich schaffe es nicht, von der Haustüre zum Bett zu kommen, ohne zu stolpern.
Der Kühlschrank ist leer und außer ein paar Flaschen Wein und einem Schnaps habe ich auch nichts zu trinken da. Essen tue ich höchstens morgen ein Weckle vom Bäcker. Aber immer seltener kommt das vor.
Verzweifelt falle ich ins Bett. Die heutige Post werfe ich einfach ins Zimmer. Die Klamotten auf dem Bett fliegen hinterher.
Ich breche wieder in Tränen aus. Sicherlich nicht das erste mal heute - und auch nicht das letzte.
Tiefe schluchzer und seufzer - hin und wieder abgelöst von Phasen, in denen ich nach Luft ringe. Es zerreißt mich innerlich. Es tut überall weh. Unbegreiflich. Ich durchsuche meinen Medikamentenschrank. Aber ich habe keine Schlaftabletten und auch nichts andres, was gefährlich scheint.
Ich male mir meinen Tod aus. In meiner Vorstellung ist er schnell, schmerzlos... vorallem aber friedlich und wunderschön. Der Gedanke beruhigt mich. Meine Tränen versiegen langsam und ich putze mir die Nase. Ich denke an Aya. Meine große Liebe. Sie hat es getan - sich das Leben genommen. Ich weiß, jetzt geht es ihr besser. Ich komme nicht umhin, sie um Hilfe zu bitten. Ich sehe ihr lachendes Gesicht vor mir und dann ihr totes.
Ich öffne die Augen, sehe die Realität vor mir. Schmerzfrei und friedlich? Wunschdenken...Blödsinn!
Ich will das Gefühl in mir halten, klammere mich an dem Bild meines toten Körpers fest - doch das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der Trauer und des Schmerzes überrollen mich gnadenlos.
Ich suche nach einem Messer, schneide mir in den Arm. Einmal Zweimal. Ich verliere mich darin. Mein Körper funktioniert nur noch. Alle meine Sinne sind auf den Schmerz gerichtet - Zerstörung, Wut und den Hass. Hass auf den Job, das drumherum, die Menschheit und die Sozialstrukturen. Hass darauf, dass ich noch Leben und vorallem Hass auf mich selbst.
Ich möchte laut Schreien - der Druck wird immer größer.
...
Langsam stehe ich auf, nehme eine Flasche Schnaps aus dem Kühlschrank und schenke randvoll ein. Ich trinke den ersten Schluck ab und fülle ein Anti-Rheumatikum dazu. Ich trinke das ganze Glas leer. Und dann die Flasche. Ich stolpere wieder - falle auf den Boden. Zwischen Müll und Klamotten bleibe ich liegen. Alles dreht sich. Ich weine wieder. Doch vor Erschöpfung schlafe ich langsam ein. Mein letzter Gedanke - ein Flehen: "Lass es keinen Morgen mehr geben, bitte!"
Doch unweigerlich kommt er. Mein Wecker klingelt. Einmal, zweimal... über eine Stunde liege ich halbwach hier auf dem Boden und bete noch immer, es möge ein Traum sein. Irgendwann stehe ich auf. Ich ziehe an, was ich gerade in die Finger bekomme und laufe zum Büro.
Noch unterwegs beginne ich wieder zu beten: "Lass es bitte nicht abend werden." Ich hasse den Job. Ich habe Angst davor. Früher hat es mir doch Spaß gemacht. Jetzt ist alles anders.
Langsam kommt der schlechte Geschmack des Alkohols wieder hoch. Habe ich tatsächlich getrunken? Noch vor einem halben Jahr habe ich mir geschworen, nie - wirklich NIEMALS aus Frust, Leid oder Schmerz zu trinken. Zuviele in der Familie tun es... Ich jetzt auch.
Ich esse die ganze Packung Kaugummis. Hoffe, es merkt niemand im Büro.
Und so sitze ich vor dem PC, starre apathisch vor mich hin und warte, wie langsam die Stunden verstreichen und die Hölle von vorne beginnt.
